„Brudi, lass gut sein. Ist schon 85 Jahre her“
Erinnerungskultur im Kulturkampf: Mit einer szenischen Collage eröffnen Geschichtskurse der Oberstufe am 29. Januar die Foto-Ausstellung zur Deportation der badischen Jüdinnen und Juden
Totenstill und beinahe vollkommen dunkel ist es in der vollbesetzten Aula des Droste-Hülshoff Gymnasiums. Auf der Bühne spricht eine junge Frau: „Es war am 22. Oktober 1940, morgens gegen 9 Uhr, als es schrill an unserer Hausglocke läutete. Gleich darauf hörten wir Männerstimmen, und schon standen zwei Leute in unserem Zimmer: ‚Machen Sie sich fertig, in einer Stunde haben Sie das Haus zu verlassen…“
Da springt ein junger Mann im Publikum auf und ruft: „Brudi, lass gut sein. Ist schon 85 Jahre her!“
Ein paar Stühle weiter erhebt sich eine Frau im gleichen Alter: „Und sie machen es uns leicht, der Versuchung zu erliegen, all diese Bilder, Geschichten und Worte gedanklich in einer großen Kiste zu sammeln, auf deren Deckel steht: All dies ist so lange her.“
Eine Stimme aus dem Off ordnet ein: Else Liefmann, Jüdin aus Freiburg. Kommentar eines Users unter dem Facebook-Post von Martin Horn zu Gurs, Freiburg, 22. Oktober 2025. Frank-Walter Steinmeier, 29. Januar 2025. Schülerinnen und Schüler der Leistungs- und Seminarkurse Geschichte unter der Leitung ihres Lehrers Markus Bultmann lassen diese und viele weitere Stimmen in einer szenischen Collage zu Wort kommen. Die Stimmen führen ein in die Ausstellung mit Bildern zur Deportation der badischen Jüdinnen und Juden ins Internierungslager im südfranzösischen Gurs.
Aus der Mitte der Gesellschaft
Die Schülerinnen und Schüler lesen Auszüge aus Erinnerungen der Deportierten, Verwaltungsanweisungen für eingesetzte Beamte, Protokolle eines Notars, Schreiben aus Finanz- und Landratsämtern, Richtlinien zur Inventarisierung jüdischer Wohnungen, Inserate von Gerichtsvollziehern zu öffentlichen Versteigerungen, Aktennotizen eines Polizeidirektors. Aus den Dokumenten wird Schritt für Schritt der Ablauf der Deportation nachvollziehbar.
Dazu treten weitere Stimmen: Zuschauerinnen aus Freiburg, die 1940 die Szene schildern; Bundespräsidenten, die in verschiedenen Jahrzehnten zur Erinnerungskultur sprechen; Social-Media-Kommentare aus dem Jahr 2025, die Relativierungen und Abwehr formulieren; Anträge der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt zur Kampagne „#deutschdenken“; Reden einzelner AfD-Politiker, die eine erinnerungspolitische Wende fordern.
Zusammengehalten werden die Ausschnitte durch den Titel der Ausstellung, refrainartig wiederholt durch den Chor der Schülerinnen und Schüler, mal fragend, mal einzelne Worte betonend.: „… von der Bevölkerung kaum wahrgenommen“. Der Satz stammt aus einem Schreiben des Chefs der Sicherheitspolizei vom 29. Oktober 1940. In ihm beschreibt er die Deportation von mehr als 5.600 badischen Jüdinnen und Juden nach Gurs als reibungslos und von der Bevölkerung „kaum wahrgenommen“.
Durch die Täterlinse
Die Fotos in der Ausstellung belegen das Gegenteil: Durch die Linse der Täter fällt der Blick auf Menschen, die als Mittäter und Gaffer an einem Moment extremer Gewalterfahrung aktiv teilhatten.
Die Abgebildeten haben keine Möglichkeit, sich gegen den Gewaltakt des Fotografierens zu wehren. Die Fotografinnen und Fotografen knipsen diese entrechteten Menschen gegen ihren Willen und vor aller Augen. Mit alten, nicht mehr funktionsfähigen Kameras stellen die Schülerinnen und Schüler diesen Gewaltakt beim Einlass in die Aula nach – sehr zur Verwunderung der einströmenden Gäste.
Eine riesige Linse, die sich permanent öffnet, an das Publikum heranzoomt und wieder schließt, dient während der szenischen Collage als Hintergrundbild. „Wir können an ihr unser historisches Denken scharfstellen“, erläutert Markus Bultmann in einer kurzen Ansprache im Anschluss an die Lesung.
Zwei Musikstücke, gespielt als sehr eindringliche Soli auf Geige und Klavier, geben Worten und Publikum Raum und Zeit zum Nachhallen und Nachdenken.
Fotografien historisch lesen
Am Ende steht die Stimme von Kurt Salomon Maier aus Kippenheim: „Als ich ein kleiner Junge war, liebte ich Züge.“ So lautet der Titel eines Gedichts des Holocaust-Überlebenden, der bis heute lebt und seine Erinnerungen teilt, auch an Schulen. Er wird von Florian Hellberg vom Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim im Anschluss an die szenische Collage vorgestellt. Hellberg hat die Ausstellung mitkonzipiert. Sein Verein und das Droste pflegen seit 2025 eine Bildungspartnerschaft. Auf diesem Weg kam die Ausstellung an die Schule.
Nach der Lesung ergreifen die Schülerinnen und Schüler erneut das Wort: Als Guides führen sie die Gäste in Gruppen durch die Ausstellung. Sie erklären die Fotografien aus den badischen Orten, aus denen Bildmaterial überliefert ist, sowie den ergänzenden Film. Die Gruppen wechseln von Station zu Station. Sie erläutern, was auf den Fotos zu sehen ist – und was nicht. Und verweisen auf Details: auf Blickrichtungen, auf Körperhaltungen, auf Abstand und Nähe, auf die Präsenz der Polizei, auf die scheinbar alltäglichen Zuschauerinnen und Zuschauer.
Der SWR begleitet die Eröffnung mit einem Kamerateam, ein Filmbeitrag wird wenige Tage später ausgestrahlt. Die Badische Zeitung hatte die Ausstellung im Vorfeld angekündigt. Auch das NS-Dokumentationszentrum Freiburg hat in seinem Newsletter über die Eröffnungsveranstaltung berichtet.
„Brudi, lass gut sein“, ist eine Stimme aus der Gegenwart an diesem Abend. Daneben stehen viele andere Stimmen.
(Text: Antje Eichler)
Die Ausstellung wurde verlängert und ist noch bis zum 13. März 2026 zu sehen. Danach zieht sie als Wanderausstellung weiter.















































































































































































































































